Ein ganz normaler Tag
Was gibt es schöneres als nach einem fünfstündigen, schülergerechten Schlaf von den lieblichklingenden Tönen seines Weckers sanft aus dem Reich der Träume geholt zu werden? Das Frühstück samt Kaffee hastig heruntergeschlungen, man will sein unbändiges Verlangen, die Schulpforte durchlaufen zu dürfen, nicht lange unterdrücken, steht man nun in den Gängen seiner Lehranstalt. Das feste Vorhaben, seinen überwältigenden Enthusiasmus an der Sache nur im äußersten Notfall verlieren zu wollen, wird bereits früh ungewollt erschüttert.Mit Erschrecken muss festgestellt werden, dass erst ein Bruchteil der Schüler den Weg zu Anstalt (aus Kostengründen sehen wir uns gezwungen, den Begriff ‚Lehranstalt’ durch ‚Anstalt’ zu ersetzen; Anm. der Red.) gefunden zu haben. Ob nun geistige Umnachtung oder vielmehr die Fahrpläne von Bahn, Bus, Bike, Eltern Schuld an dem Dilämmer sind, sei dahingestellt. Mit voreiligen Schlussfolgerungen ist das so eine Sache.
Dafür erfreut man sich umso mehr am Anblick einiger Wenigen, welche man an einer Hand abzählen kann, während man mit nämlicher eine Tasse köstlicher Automaten-Vanillemilch aufgrund ihrer heißen Beschaffenheit ganzhändig umfassen muss. Doch was soll das nun wieder? Beinahe löst sich der Griff wegen rasant anwachsender Ohnmächtigkeitsschübe. Noch ganz perplex, versucht man der Sache Herr zu werden, nimmt seinen Mut beisammen und betätigt den Lichtschalter. Auf die empörenden Zwischenrufe mancher, die sich das Schul-Buch kurz vor der Probe noch einmal zu Gemüte führen wollten, kann keine Rücksicht genommen werden. Außerdem schädigt es die Augen nicht, bei vollkommener Dunkelheit eine Schrift identifizieren zu wollen, es trainiert sie sogar. Ein erheblich größeres Problem stellt da schon das Finden des eigenen Klassenzimmers dar, in der einen Hand den Sportbeutel, in der anderen die mittlerweile schon lauwarm gewordene Vanillemilch. Keineswegs soll das ein Appell an die Wehleidigkeit eines jeden von uns sein, gewiss nicht. Einzelschicksale interessieren nicht für das Gesamtwohl. Und ohnehin: Die Not macht erfinderisch. Gepaart mit langjähriger Erfahrung auf dem Schlachtfeld des Dunklen, kennt man die weiten Korridore, ebenso wie die schmalen Gassen in der Anstalt wie seine Westentasche.
Erfahren wie ein Veteran und stolz, meine Pflicht erfüllt zu haben, gehe ich nun selbstgerecht die Treppe zu meinem Klassenzimmer herauf. Die Akkuratheit der
damaligen Fliesenleger bewundernd, bemerke ich fast gar nicht die allmählich etwas porös wirkenden Decken, die wohl aus der gleichen Zeit stammen müssen. Meine Gedanken sind jedoch schon im Zimmer, während ich zwei Schritte später die Tür aufmache. Diesmal kann ich mich nur schwer auf meinen beiden durchtrainierten Beinen halten, was mich erwartet ist eine Momentaufnahme des Schreckens, was tiefstes Unverständnis bei mir auslöst. Da sitzt doch mein Schulkamerad Heinrich F. (Name von Redaktion computertechnisch verändert) mitten im Zimmer auf einem Stuhl, während er zeitgleich diese stinkende, sauerstoffarme Luft einatmet, deren Konsistenz durch die volle Aufdrehung der Heizkörper nicht minder schwer beeinflusst wird.
Nicht genug, dass er jeglicher Vernunft den Rücken zugekehrt hat, jetzt schaut er mich auch noch mit diesem dümmlichen Grinsen an, dass ich fast meine kalte Vanillemilch hätte fallen lassen. Aber ich konnte mir rechtzeitig ein Herz für die Putzfrauen nehmen.
Zu einhundertprozent geistesgegenwärtig erbarmte ich mich meinem Freund, riss die Fenster auf, drehte die Ventile zu, knipste das Licht aus, setzte mich, fühlte den nur langsam steigenden Puls und wollte mich gerade mental für eine lebensrettende Mund-zu-Mund Beatmung vorbereiten, als ich nun selbst dem Treibhauseffekt unserer Anstalt zum Opfer fiel.
Das letzte an was ich mich erinnern kann ist, dass ich im imaginären ambulanten Krankenzimmer unserer Anstalt aufwachte und das Gesicht einer vermutlich dazugehörenden, in weiß gekleideten Dame erblickte, die mir erzählte, eine lang ersehnte Generalsanierung sei in diesem Moment fertig gestellt worden.
Ich schloss meine halboffenen Augen und schlief mit einem dümmlichen, aber umso glückseligeren Gesichtsausdruck wieder ein. Doch währte diese innere Zufriedenheit nicht lange. Unsanft wurde ich durch einen Eimer frisches Leitungswasser geweckt, ich erblickte die unplastisch wirkenden Wände unseres realen Klassenzimmers, obgleich mir zwei dutzend Augenpaare dabei im Weg standen.
Schnell fasste ich mich wieder, rannte auf den Flur und musste resigniert feststellen, dass alles nur ein Traum gewesen ist, was mir die Decken scheinbar teuflisch grinsend voller Genugtuung verrieten. Wirklich? Wie sagte einst ein Mann namens Khalil Gibran:„Dieses Leben in der Welt ist - mit allem, was es enthält - ein Traum. Das Erwachen aus diesem Traum ist der Tod.“
Felix Tremmel
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