Handys, Poker und eine Mütze voll Pech

PokerFür die einen ein Segen und ein Fehlen unvorstellbar und unverkraftbar.
Die anderen begnügen sich damit, eben diesen Irrglauben zum Stoff unzähliger Anekdoten zu machen, die einen Pippi in die Augen machen lassen, wie es unsere Freunde aus Ede wohl ausdrücken würden.
Wie dem auch sei, eine eben solche Geschichte spielte sich vor nicht allzu langer Zeit, direkt vor einem meiner Adleraugen ab.
 Äuglein, die allzeit dazu bereit sind, die wundersamsten und bisweilen etwas peinlich angehauchten Momentaufnahmen meiner Zeitgenossen einzufangen.

Tage des Feierns lagen hinter uns. Noch nie dagewesene Eindrücke drängten alle anderen Gedanken in meinen Hirnwindungen zur Seite und füllten sie mit abartigen Ohrwürmern, die nicht mehr von dannen ziehen wollten.
Dumme Fliegen, die mit ihren langen Schwänzen um rote Pferdchen kreisten und sie mit einem Schlag hinwegfegten als wären sie Pappenstile, oder so etwas in die Richtung...
Ich weiß ja auch nicht, aber die Komponisten, welche eben solche Lieder auf CDs brennen lassen, sind entweder einer sehr tiefen Schamgrenze verfallen oder verdienen Unmengen von Geld ...oder beides.
Mich als ein Partytier hinzustellen wäre nicht nur schlecht recherchiert, sondern auch lächerlich mit Hang zum Grotesken.
Nie habe ich mich für einen so sinnlosen Zeitvertreib wie Feiern ausgesprochen, bis mir einer den Vorschlag machte, ihn auf solch eine Veranstaltung zu begleiten.
Von Widerwillen bemannt konnte ich ihn jedoch nicht enttäuschen und meine jugendliche Neugier tat ihr übriges.
Was soll ich sagen, zwei Stunden lang gleich einem betrunkenen Berserker tollwutartig in einem viel zu engen und viel zu stickigen Saal mit seinen Freunden -rhythmisch zur ohrenbetäubenden Beatmusik- auf und ab zu hüpfen, während man seine Arme wie ein dreimaliger Goldmedaillengewinner in die Höhe reißt und mit seinen Tanzeinlagen selbst          Michael Jackson zum Verblüffen gebracht hätte, war doch nicht so anödend wie man sich das zuvor vielleicht hätte ausmalen können.
Nur damit kein falsches Gedankengut in Umlauf kommt: die einzige Flüssigkeit, die mich an jenem Abend bei laune gehalten hat, bestand maßgeblich aus Zucker und Koffein.
Mit trockener Kehle und tauben Ohren machte man sich dann langsamen Schrittes auf in die kühle Nacht, um sich in sein warmes Bette zu legen und seinen gerechten Schlaf zu finden.
Am nächsten Tag dann jedoch stand ich vor einer schwierigen Entscheidung:
Was läge diesen Abend im Bereich unser körperlichen Möglichkeiten, die sich seit der letzten Nacht auf ein Minimum dezimiert hatte?
Glücklicherweise holte mich ein netter Freund aus dem Reich der wirren Überlegungen und schlug mir kurzerhand einen zwielichtigen Pokerabend mit gemeinsamen Freunden vor. Natürlich, wie sollte es anders sein, willigte ich selbstredend ein und begann mich sogleich -ich verschlief aus natürlichen Beweggründen heraus den gesamten Nachmittag- fertig zu machen.
Nachdem ich mir den Luxus einer Dusche gegönnt hatte, sah ich mich im nächsten Augenblick schon am Bahnhof eines unscheinbaren Örtchens wieder, dessen Nachbardorf, auf der anderen Seite eines großen Flusses eingebettet, Besucher aus aller Welt anzulocken verwöhnt gewesen war.
Meinen Freund und mich erwartete man bereits sehnlichst und wir wurden ähnlich einem königlichen Amtspaar zu einem großen Anwesen am Rande des zuvor erwähnten Kaffees eskortiert. Von einer gewissen Überheblichkeit nicht ganz unberührt, begannen wir alsbald mit unserem Glücksspiel und wurden wenig später auf den Boden der Tatsachen hinunter befördert.
Im Nachhinein ist man immer schlauer, ja ja...
Wer hätte denn auch ahnen können, dass dieses freundliche Herumgepiersche, dieser festliche Empfang am Bahnhof alles Teil ihres teuflischen, verwerflichen Planes war, uns die Chips aus den Taschen zu ziehen?
Wir kamen uns vor wie zwei vorgeführte Clowns, die man zuvor noch dick mit Schminke angemalt und mit überdimensionalen Sonnenbrillen versehen hat.
Die jämmerliche Ausrede unsere Gastgeber, dass dies nur zu einem professionelleren Pokerface verhelfe, kommt mir im Nachhinein wie ein Schlag ins gebranntmarkte Gesicht vor.
Wir ließen also diese Schmach über uns ergehen und brachten die Zeit  mit unterschwelligen Witzchen und boshaften Gesten herum.
Etliche geniale Vorschläge meines Freundes, dieser Farce ein Ende zu bereiten und Frieden bei einer Runde Nachtfußball zu schließen, ernteten gelegentlich ein abfälliges, müdes Lächeln dieser Sklaventreiber.
Wir waren Märtyrer für eine Sache, deren Sinn uns bis heute verwehrt blieb, aber wir bewahrten unseren Stolz. Immerhin hätten wir auch ebenso gut aufstehen und das gesamte Spielfeld kurzerhand verwüsten, die Karten des Teufels zerreißen und die Handlanger Beelzebubs übers Knie legen können.
Niemand hätte es uns verübelt, am allerwenigsten wir selbst.
Gott sei es gedankt, dass die Moral auf beiden Seiten -nach 2 Stunden vollkommener Aushöhlung unserer Unberechenbarkeit beim Pokerspiel - allmählich abnahm.
Wir retteten uns - oder das, was von uns noch übrig war- auf einen neutralen Spaziergang an kühler, klarer Februarluft.
Es war aber nach Minuten des Anschweigens ebenso klar, dass wir an diesem Abend auf keinen grünen Zweig mehr kommen würden.
Das unverzeihliche Spiel, das mit uns getrieben wurde, stand einfach zwischen uns und diesen abgeklärten Fadenziehern.
Wir beschlossen daher, uns für diese Nacht von unseren Gastgebern zu verabschieden und gen Bahnhof zu laufen. Nach einer kurzen, brutalen Schneeballschlacht, in der wir all der überschüssigen Energie, die sich im Laufe des Abends angestaut hatte, ein Ventil geben konnten, verspürten wir einen gewissen inneren Drang, nicht nur zu
joggen, sondern unsere Sprintfähigkeit unter Beweis zu stellen.
Immerhin war das Fußballturnier in ein paar Wochen eine ernstzunehmende Angelegenheit, die gute Kondition einfach voraussetzte.
Durch das sportliche Geleit unserer unterlegenen Schneeballfeinde, welches durch unsere famose Hackenschlag-Technik bis zur nächsten Kreuzung hin andauerte, ließen wir uns unwesentlich mehr  anstacheln.
Etwas aus der Puste kamen wir folglich am ersehnten Bahnhof an und waren erschrocken gleichwie erbost, da es uns wie Schuppen von den Augen fiel.
Mit ebenso großer Sehnlichkeit hatten uns diese listigen Hochstapler wohl erwarten müssen...
Diesen Schock erst noch verarbeitend griff mein perplexer Freund zu seinem kleinen Wunderwerk der Technik und schlug nervös und atemlos auf dessen mickrige Tasten ein.
Doch war es wahrlich nicht unser Tag gewesen, gewiss nicht.
Wie sollte es anders kommen, als dass der vermaledeite Akku dieses Teufelsgeräts eben an diesem Abend den Geist aufgegeben hat?
Ich verfluchte den Fortschritt, verfluchte die Welt, verfluchte allen voran Simons
(Name aus rechtl. Gründen adaptiert, bekannter Handyhersteller; Anm. der Red.).

Schließlich warteten wir etwas bedröppelt auf den nächsten Zug, der -natürlich- eine halbe Stunde verspätet eintraf. Wir stimmten uns also beide gemeinsam darauf ein, auch die Rückschritte unserer Zeit zu beklagen. Aber das ist eine andere Geschichte...

 

Felix Tremmel

 

(diese Geschichte ist zu großen Teilen im Kopfe des Autors erdichtet worden, speziell moralisch verwerfliche Passagen sind rein fiktiver Natur)

 

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