“Lasst die Handys in die Schulen!"
Medienkompetenz kann die Bildung revolutionieren
Seit der Aufregung um die Verbreitung von Gewaltvideos per Handys auf Pausenhöfen im Jahre 2006 gilt in Bayern laut des Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes ein strenges Handyverbot an allen Schulen. Das ist nur ein Beispiel für die nicht mehr zeitgemäße Medienpolitik im Bildungswesen.
Ein Kommentar. [Sorry für die Länge des Artikels, aber es lohnt sich zu lesen!]
Als vor über vier Jahren auf den Handys einiger Jugendlicher an bayerischen Schulen pornographisches und gewalttätiges Material gefunden wurde, reagierte die Staatsregierung, indem sie die Nutzung von Mobiltelefonen und anderen Speichermedien, die nicht dem Unterricht dienen, komplett untersagte. Ein Reflex, um die aufgebrachten Gemüter besorgter Eltern und Jugendschützer zu beruhigen, um schnelles Handeln zu signalisieren.
Das Tückische an Reflexen ist aber, dass sie ohne großes Nachdenken und Abwägen der Folgen ausgeführt werden. So ist dieses Handyverbot ein Anschauungsbeispiel dafür, wie träge und ignorant die Politik den Veränderungen der Medien-Lebenswelt der Schüler Rechnung trägt. Denn um – wie vom Kultusministerium erwünscht – ihren Auftrag wahrzunehmen, Störfaktoren zu entfernen, den angemessenen Umgang mit Mobiltelefonen zu lehren und den Lehrern Maßstäbe für ihr Handeln zu setzen, muss die Schule nun alle Handynutzer kriminalisieren. Doch die Verbreitung von entsprechenden Videos wird mit diesem Verbot sicher nicht verhindert! Denn egal ob per Handy oder Internet, die Kontakte der Schüler enden nicht mit dem Schulgong. Nein, ein Handyverbot ist nicht mehr als eine Beruhigungspille mit ausbleibendem Placeboeffekt.
Symptomatisch zeigt sich hieran, wie schwer sich die Politik tut, die schnellen Veränderungen der Medien in der Schule zu verankern. Dabei bietet dieser Wandel ungeahnte Möglichkeiten. Das Kultusministerium hat es trotz einiger Aktionen nicht geschafft, die Medienerziehung vernünftig im Lehrplan unterzubringen. Zwar können Grundschulen einen Medienführerschein ausstellen, welche Inhalte dazu bearbeitet sein müssen, ist jedoch nicht festgelegt.
Doch dieser Aktionismus ist eher ein Schuldeingeständnis für mangelnde Kontinuität, denn wer einen wirklichen Plan für die Erziehung im Umgang mit Medien hätte, bräuchte solche Aktionen nicht. Natürlich, niemand wird von einem 60jährigen Lehrer erwarten, dass er seinen Schülern die Tiefen der Facebook-Sicherheitseinstellungen näher bringt. Das Internet zeichnet sich auch dadurch aus, dass ein neues Medium nun zum ersten Mal von der jüngeren Generation besser verstanden wird als von der älteren. Doch dies bietet eine Chance!
Denn eines der Hauptprobleme, das Jugendliche im Internet haben, besteht darin, dass sie sich für ihr Online-Verhalten nicht rechtfertigen müssen. Niemand kontrolliert, was sie wann, wo wie machen, denn die meisten Eltern sind mit Facebook oder SchülerVZ noch immer überfordert. So entsteht der Eindruck, das Web sei privat, und man könnte dort machen, was man wollte. Dieser Problematik können Schüler und Lehrer gemeinsam begegnen, indem sie sich zusammen das Online-Verhalten der Jugendlichen anschauen. Wenn Schüler ihre Profile, Posts und Tweets vor dem Lehrer verantworten müssen, merken sie sehr schnell, was der Unterschied zwischen privat und öffentlich ist.
Wird den Jugendlichen durch eine Nichtbeachtung der Thematiken in der Schule nun der Eindruck suggeriert, alles sei illegal und gefährlich, wird es nach einem bekannten Phänomen erst recht interessant. Treten sie aber in den Dialog über Möglichkeiten und Gefahren des Internets, zeigt man ihnen, dass dieses nicht nur schlecht ist, sondern auch Chancen bietet und ihnen auch die Gelegenheit gibt, über Gesehenes ins Gespräch zu kommen.
Der Lehrer hat noch immer mehr Lebenserfahrung und pädagogische Ausbildung auf seiner Seite und kann mit dieser beurteilen und erklären, was er am Verhalten der Schüler gut heißen kann. Die wichtigste Aufgabe liegt darin, das Bewusstsein der Jugendlichen für ihre Aktivitäten zu schaffen und zu schärfen.
Wenn nun die Handys im Besonderen und die Medien im Allgemeinen einfach aus der Schule verbannt werden, ist das eine Kapitulation der Schule vor der Medienerziehung. Solch ein Verbot führt zum Verlust der Kontrolle und der Einflussnahme. Wird den Schülern aber die Nutzung im Rahmen der üblichen Regeln (niemand will, dass Handys den Schüler vom Unterricht abhalten) erlaubt, so können bei diesen die positiven Möglichkeiten gefördert werden. Warum sollten Schüler in einer Zeit, in der Terminkalender aus Papier schon lange aus Besprechungen verbannt scheinen, keine digitalen Hausaufgabenhefte und Schulaufgabenkalender führen dürfen? Warum müssen sich Lehrer und Schüler minutenlang den Kopf über einen Begriff zerbrechen, anstatt ihn zu googeln? Warum sollte es einem Oberstufenschüler in seinen zahlreichen Freistunden nicht gestattet sein, Podcasts oder beruhigende Musik zu hören? Das geht völlig an der Lebenswirklichkeit vorbei. Genauso wie USB-Sticks, die die Schüler untereinander austauschen, abgenommen werden müssten. Oder Laptops, wenn diese in Freistunden “nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden”, wenn man also seine Bilder bearbeitet oder Mails beantwortet. Das kann niemand ernsthaft wollen.
Nein, ein uneingeschränktes Handyverbot bereitet die Schüler nicht auf “die Welt da draußen” vor. Stattdessen sollte die Schule lernen, auch neue Medien anzunehmen und die Schüler im Umgang mit diesen verantwortungsvoll zu erziehen. Vielleicht sollte dafür sogar ein neues Fach “Medienerziehung” entstehen. Oder besser: “Mediendialog“.
Tobias Herbst (http://www.mrautumn.de/)
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weiterführend:
- kleine Diskussion auf Facebook, die mich auf das Thema gebracht hat