Höflichkeit
Viele Menschen sagen, die Höflichkeit habe in der modernen Gesellschaft an Bedeutung verloren. Nun, ich bin kein Historiker und möchte mir hierzu kein Urteil erlauben.
Viele Menschen sagen allerdings auch, diese Entwicklung sei schlimm, und es müsse unbedingt etwas gegen sie unternommen werden. Hier möchte ich allerdings stark widersprechen. Sicher, es gibt Menschen, die mögen anderer Meinung sein, aber meiner Meinung nach kann die Höflichkeit nicht schnell genug beseitigt werden.
Höflichkeit soll ein Zeichen von Respekt sein. Wenn ich jemandem zeigen möchte, dass ich ihn respektiere, dann tue ich das dadurch, dass ich ihn anlächle, dass ich ihm zuhöre, dass ich ehrlich zu ihm bin.
Sicher, viele Menschen würden jetzt sagen, dass Höflichkeit für sie genau das ist. Hier offenbart sich auch schon mein erstes Problem. Wie so oft: Es ist eine Definitionsfrage.
Unter Höflichkeit verstehe ich persönlich gewisse Regeln. Sture Regeln, Begrüßungsfloskeln, Tischmanieren. Knigge! Und genau dagegen möchte ich mich heute aussprechen.
Warum muss ich die Hand geben zum Begrüßen? Nur weil ein gewisser Herr Knigge sich einmal gedacht hat, er müsse das jetzt aufschreiben und zur Regel erklären? Nur weil der „gesellschaftliche Standard“ es fordert?
Sicher, ich bin nicht so stur, um mir beispielsweise in einem Vorstellungsgespräch sämtliche Zukunftsmöglichkeiten zu verbauen, indem ich demonstrativ diese Regeln missachte. Soweit ich weiß, ist es ein wichtiger Bestandteil der Punk-Kultur, sich diesem Gesellschaftsdrang zu widersetzen. Stattdessen strafe ich aber niemanden mit Argwohn oder sogar Ächtung, der ebendiese Regeln mir gegenüber missachtet.
Im Gegenteil: Ich wäre erfreut, möglicherweise einen Gleichdenkenden gefunden zu haben.
Denn sind wir doch einmal ehrlich: WAS habe ich davon, wenn MIR jemand die Hand reicht? Ich persönlich habe die Antwort noch nicht gefunden. Ein nettes Lächeln und ein freundliches Wort sind mir lieber.
Denn Höflichkeit ist doch nichts anderes als eine Fassade! Eine Fassade, die den wahren Kern verbergen soll, dass mich die betreffende Person nämlich alles andere als respektiert und mag.
Wenn jemand keine Lust auf ein Gespräch mit mir hat, aber zu höflich ist, mir das mitzuteilen, verlieren beide. Eine ehrliche Begründung, warum man sich jetzt lieber mit jemand anderem unterhalten würde, ist hier viel nützlicher. Ich persönlich bin keineswegs gekränkt, sondern höre mir die Begründung an und nicke. Beide Gesprächsteilnehmer suchen sich ein anderes Gespräch - und beide gewinnen. Wo liegt das Problem?
Natürlich gibt es zu diesem Thema auch zahlreiche andere Beispiele. Warum muss das Messer immer rechts liegen? Ich würde mich freuen, wenn ich im Restaurant eine andere Besteckordnung vorfinden würde. (Gesetzt den Fall, es würde mir überhaupt auffallen.)
Warum werde ich gesiezt? Ganz ehrlich, ich fühle mich von meinem Gegenüber keinesfalls geehrt oder respektiert, wenn es mich siezt. Stattdessen wird eine gewisse Distanz aufgebaut - wie ich finde. Diese ist beim Duzen nicht gegeben.
Ich bin kein Kniggespezialist, allerdings würde es mich schwer wundern, wenn ich auch nur eine Verhaltensregel in diesem Buch finden würde, die mir auf Anhieb logisch, sinnvoll und schlüssig erscheint.
Sicher, es gibt Menschen, die diesen Verhaltenskodex für den Grundstein der Sprache und der Zivilisation halten. Ich persönlich könnte gut auf die Höflichkeit verzichten, wenn ich dafür die Offenheit, die Ehrlichkeit und die Freundlichkeit erhielte.
Johannes Grohmann Q12
Download als PDF -->hier<--