Zur ökumenischen Friedensdekade 2010:
Die Kirche wagt den Spagat - und braucht Mut, um ihn zu schaffen
Seit mittlerweile 30 Jahren appelliert das “Gesprächsforum Ökumenische FriedensDekade” in den zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag an alle Christen deutschlandweit, sich besonders auf dieses Thema zu konzentrieren. Mit Friedensandachten wird dieses Jahr unter dem Motto “Es ist Krieg – Entrüstet euch!” zum Frieden aufgerufen. Und das wird für die Kirchen zum Spagat.
Denn Frieden heißt im 21. Jahrhundert nicht mehr, sich entscheiden zu müssen für oder gegen einen brutalen und verbrecherischen Angriffskrieg und das zugehörige Regime. Bereits Baruch de Spinoza sah Frieden “nicht [nur] als die Abwesenheit von Krieg” an.
Wenn Jan Gildemeister anlässlich der Friedensdekade stellvertretend fordert, sich für den Abzug der (deutschen) Truppen aus Afghanistan einzusetzen, macht er es sich zu einfach. Die Geschichte hat gelehrt, dass die Kirchen sich rückblickend schuldig gemacht haben, als sie sich – mit einigen Ausnahmen – nicht um die Politik gekümmert haben. Doch die Entscheidung, vor der Christen vor 70 Jahren standen, war eine andere als jetzt. Damals ging es darum, ein terroristisches, menschenverachtendes Unrechtsregime, das Deutschland und der Welt Krieg und Elend gebracht hat, zu beenden. Es war eine “Dafür- oder Dagegen-Entscheidung”.
Heute ist das anders. Denn den politischen Entschluss für eine Nichtverlängerung des Mandats für den Afghanistaneinsatz zu fordern hieße heute, nur die Fraktion DIE LINKE zu unterstützen, die als Einzige im Bundestag geschlossen gegen diese Verlängerung stimmte.
Nein, die Kirche sollte sich nicht aus der Politik heraushalten! Aber nein, die Kirche sollte es sich auch nicht zu einfach machen! Es darf nicht sein, dass sich die Kirche populistische Forderungen aneignet. Denn auch wenn in den nächsten zehn Tagen der Frieden im Mittelpunkt stehen soll, dürfen andere Prinzipien nicht vernachlässigt werden. Und zu christlichen Grundsätzen gehört eben genauso das Recht auf Leben. Sicher, auch unsere Soldaten sterben in Afghanistan. Aber das alleine ist zu engsinnig gedacht. Die Kirche sollte den Mut haben, sich in die Politik einzumischen. Aber sie sollte auch den Mut haben, keine einfachen Lösungen anzubieten, wenn die Situation aufgrund ihrer Komplexität diese nicht bietet. Das wird zum notwendigen Spagat, denn ein sofortiger Abzug in Afghanistan würde den Menschen dort alles bringen, aber keinen Frieden.
(Ein Ansatz ist zu lesen: “Gemeinsam wollen sie mögliche Ausstiegsszenarien aus dem Afghanistan-Krieg und Alternativen der Konflikttransformation bekannter machen, wie sie von der Friedensforschung entwickelt worden sind.”)
Tobias Herbst,
(http://www.mrautumn.de/)
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